erschienen in: Politische Berichte – Zeitschrift für linke Politik, April 2011
Das Thema von Arjun Appadurais Arbeit, die 2006 in den USA unter dem Titel „Fear of Small Numbers. An Essay of the Geography of Anger“ erschienen ist, bildet das Spannungsfeld zwischen ethnisierter Gewalt auf der einen Seite und der Krise des Nationalstaats zu Zeiten der Hochglobalisierung auf der anderen Seite. Der indischstämmige und in den USA lehrende Ethnologe bezeichnet dabei die „neunziger Jahre als ein Jahrzehnt extremer Gewalt, eine Zeit die in vielen Gesellschaften gekennzeichnet war durch die stete Zunahme von Bürgerkriegen und urbaner Gewalt als Teil des alltäglichen Lebens.“ Beispiele hierfür sind etwa die Genozide in Jugoslawien und Ruanda, oder auch ethnisierte Gewalt zwischen Muslimen und Hindus in Indien, immer wieder Anknüpfungspunkte Appadurais.
Wesentliche Ursachen dieses Phänomens sieht Appadurai in spannungsgeladenen Entwicklungen der Globalisierung. Eine in den neunziger Jahren aufkommende Globalisierungsideologie ging mit einem Bündel von ineinandergreifenden Dogmen einher: „Lehren über offene Märkte und freien Handel, über die Verbreitung demokratischer Institutionen und die weitreichenden Möglichkeiten, die das Internet (und verwandte Technologien) angeblich bieten, um Ungleichheit – in Gesellschaften wie auch zwischen Gesellschaften – zu verringern und noch in den ärmsten Ländern mehr Raum für Freiheit, Transparenz und verantwortungsbewusste Regierungsführung zu schaffen.“ [S. 14]
Diese Globalisierungsdogmen stoßen auf eines der Grundkonzepte des modernen Nationalstaats mit seinen kollektiven Identitäten: der nationalen Ethnos, die Vorstellung von einer ethnisch- kulturell geschlossenen Gruppe, die den Nationalstaat ausfülle. Diese Vorstellung vom nationalen Ethnos als Grundkonzept des Nationalstaates ist mit philosophischen und ethnologischen Autor_innen wie Hannah Arendt, Mary Douglas oder Benedict Anderson verbunden.
Zu diesem nationalen Grundkonzept tritt in der hochglobalisierenden Gesellschaft laut Appadurai ein vielgestaltiges Konzept der sozialen Verunsicherung hinzu. In globalisierten Gesellschaften entstehen „tiefsitzende Zweifel darüber, wer eigentlich zu ‚uns‘ und wer zu ‚den Anderen‘ gehört“ – eine Entwicklung, die mit dem tragenden Grundkonzept nationalen Ethnos in Spannungsfeld tritt.
Das hänge laut Appadurai damit zusammen, dass einige fundamentale Grundprinzipien des Nationalstaats in der Hochglobalisierung zunehmend ins Wanken gerieten: „Die Vorstellung eines souveränen Territoriums mit festen Grenzen, die Überzeugung, man könne Bevölkerungen problemlos kontrollieren und zählen, und damit auch das Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Volkszählungen, ganz allgemein also die Idee stabiler und transparenter Kategorien. Vor allem die Gewissheit, daß unverwechselbare, einzigartige Völker aus klar abgegrenzten nationalen Territorien stammen und diese kontrollieren.“ [S. 17]
In diesem Spannungskonflikt zwischen nationalen Ethnos und sozialer Verunsicherung können Gewaltausbrüche gegen die ,Anderen‘ als „Vergemeinschaftungsübung“ verstanden werden, ein Begriff den Philip Gourevitch in seinem Buch über den Völkermord Ruanda prägt. „Wo eine oder mehrere dieser Formen sozialer Verunsicherung ins Spiel kommen, kann Gewalt eine makabere Form von Sicherheit schaffen und als brutale Technik der Erkenntnis (als ein forensisches Verfahren, das sozusagen auf ein ganzes Volk angewendet wird) über ‚die Anderen‘ und auch über ‚uns‘ eingesetzt werden.“ [S. 18]
In seinem fünften Kapitel führt Appadurai aus, dass auch liberale Gesellschaften mit demokratischen oder Mischverfassungen anfällig für solche Formen ethnischer Gewalt sind, wie er am Beispiel von Gewalt zwischen Hindus und Muslimen in Appadurais Heimatstadt Mumbai illustriert. Dies „hat offenbar viel mit der seltsamen inneren Reziprozität zweier Kategorien der liberalen Gesellschaftstheorie zu tun: der von ‚Mehrheit‘ und ‚Minderheit‘ nämlich.“ Hierbei bringt er unter anderem auch Sigmund Freuds Konzept der „kleinen Unterschiede“ ins Spiel. Nach Appadurai ist es jene „Angst vor der Unvollständigkeit“, die zu ethnischer Gewalt beitragen könne. Die zahlenmäßige Mehrheit sei es, die durch die – auch noch so kleine – zahlenmäßige Minderheit, daran erinnert werde, dass ihr nationaler Ethnos eben noch unrein ist, nicht vollständig den Nationalstaat ausfülle.
Diese Ethnisierung des Nationalstaatsverständnisses, die immer schon tragendes Konzept des Nationalstaatsgedanken gewesen sei, erhalte durch die Hochglobalisierung noch einmal eine besondere Schärfe: „Da die Fiktion der ‚Volkswirtschaft‘, die zu Zeiten starker sozialistischer Staaten und Planwirtschaften noch eine gewisse Plausibilität besaß, fast vollständig zerstoben ist, bleibt heute eigentlich nur noch das Feld der Kultur übrig, um Phantasien der Reinheit, der Authentizität, der Grenzen und der Sicherheit auszuleben. […] So wurde der Nationalstaat in vielen Gegenden der Welt allmählich auf die Fiktion des Ethnos reduziert, die sich nun als die letzte kulturelle Bastion erweist, über die er uneingeschränkt gebieten kann.“ [S. 37]
Vor dem Hintergrund dieses Problemaufrisses macht sich Appadurai im Anschluss daran, zwei widerstreitende Phänomene zu beleuchten: den internationalen Terrorismus auf der einen und die transnationalen Graswurzelbewegungen auf der anderen Seite. Wichtig ist hierbei Appadurais Konzept von vertebralen und zellularen sozialen Sturkturen. Erstere sind die der klassischen Nationalstaaten, die sich in einer internationalen Gemeinschaft in einem System gegenseitiger Abhängigkeit befinden. Appadurai stellt die These auf, dass sich kapitalistische Strukturen mit zunehmender Flexibilität von Kapitel gerade auch zunehmend zellular organisieren, also autonom, ortsungebunden und dezentral.
„Der gegenwärtige Zustand der globalen Unternehmen und der Märkte, in denen sie operieren, lässt sich in mehr als einer Hinsicht als schizophren bezeichnen. Einerseits weist er nämlich die vertebralen Eigenschaften des nationalstaatlichen Systems auf, auf die er auch angewiesen ist, andererseits dient er als Laboratorium für neue Formen der Zellförmigkeit, der Entkopplung und der lokalen Autonomie.“ [S. 42]
Diese Tatsache bringe auch verschiedene Formen von transnationaler Solidarität hervor, die sich in zellulär organisierten Gruppen äußere, die wirtschaftliche, soziale, ethnische oder religiöse Kämpfe über nichtnationale Ordnungsrahmen (z.B. das Internet) organisieren – so unterschiedliche Organisationen wie Graswurzelbewegungen und internationale Terrorgruppen.
Alle diese Überlegungen bringen Appadurai zu seiner zentralen These von der Geographie des Zorns: „Meine Darstellung der Geographie des Zorns soll zwei Argumenten dienen: Zum einen, dass in einer Welt, die von globalen Verbindungen und Spannungen zwischen zellularen und vertebralen Politikformen gekennzeichnet ist, Regionen, Nationen und Städte mehrdimensionale, vielfach gebrochene Kopien größerer Kämpfe hervorbringen können. So kehren etwa die Spannungen zwischen Indien und Pakistan auf unterschiedlichen Ebenen wieder: der globalen, der nationalen, der regionalen und der kommunalen. Auf allen diesen Ebenen spielen die Charaktere des Terroristen, der reinen Nation, des maskierten Verräters und des verborgenen Feindes tragenden Rolle.“ [S. 118 f.]
Arjun Appadurai steht stellvertretend für eine neuere Generation postkolonialer Autoren, die den klassischen Bestand des „Postcolonail Theory“ um Fragen transnationaler Bewegungen erweitert. Hierbei bewegt er sich auf einem Feld, bei dem noch viele unklar ist. Appadurai versucht auch – wie der Buchtitel schon andeutet –, ethnologisch-kulturwissenschaftliche Ansätze mit Raumtheorien zu verbinden; ein Ansatz, der momentan – nicht zu unrecht – sehr in Mode ist.
Sein nüchternes Bild von den Grundkonzepten des Nationalstaats, seine schonungslose Analyse der Verknüpfung von Entwicklungstendenzen des globalen Kapitalismus und ethnischen Konflikten machen das Buch so lesenswert. Auf die platte Parole, kulturelle Konflikte seien lediglich wirtschaftliche Konflikte im ethnisch-religiösen Deckmantel, lässt Appadurai sich nicht ein, wenngleich er ganz nah an der Analyse der wirtschaftlichen Grundlagen von Konflikten bleibt. Er bietet vielmehr ein sehr differenziertes Bild der Ursachen ethnischer Gewalt und Minderheitenkonflikten an, und zwingt uns, alteingesessene Bilder internationaler Konflikte in Frage zu stellen.
Appadurai, Arjun
Die Geographie des Zorns,
Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 2009
12.00 Euro
[Originalausgabe: Fear of Small Numbers.
An Essay on the Geographie of Anger,
Duke University Press, 2006]
